Saskia Esken (MdB), Bildquelle Anne Hufnagl
50 Jahre Weltläden

Interview mit Saskia Esken

Frau Esken, 2001 haben Sie den Weltladen in Bad Liebenzell mitgegründet. Was war damals Ihre Motivation, einen Weltladen zu gründen?

Es war mir wichtig, ganz konkret etwas dazu beizutragen, dass der Gedanke des Fairen Handels in den Köpfen vieler Menschen und Institutionen in meinem Umfeld ankommt. Durch das Einkaufen in Weltläden können viele in ihrem täglichen Leben dazu beitragen, andere in ihrer selbstbestimmten Perspektive zu unterstützen und zu bestärken.

Die Weltläden feiern dieses Jahr ihr 50-jähriges Bestehen. Das Ziel ist nach wie vor, die Welt gerechter zu gestalten. Was waren bzw. sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten globalen Herausforderungen – damals im Unterschied zu heute?

Damals wie heute tragen die Länder des sogenannten Globalen Nordens, also auch wir, eine große Mitverantwortung an den oft politischen, gesellschaftlichen und humanitären Krisen in einigen Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas. Die Folgen der Kolonialzeit wirken nach, Arbeitskräfte werden entlang von Lieferketten weiterhin ausgebeutet und genießen am Arbeitsplatz kaum Rechte und Schutz. Das Geschäft um Rechte an Rohstoffen fördert Korruption und schadet oft Wirtschaft und Umwelt vor Ort.

Die reichen Länder des Nordens haben ihre eigenen Interessen immer vorne angestellt. Das muss sich ganz schnell ändern. Wir wollen auf partnerschaftlicher Ebene den Ländern des Globalen Südens Angebote machen, um die weltweiten Herausforderungen gemeinsam anzugehen. Belehrungen, Bedingungen und Vorgaben sind da fehl am Platz.

Der Faire Handel hat die Auswirkungen der Klimakrise, vor allem auf die Handelspartner im Globalen Süden, schon seit vielen Jahren als Problem erkannt und mehr Gerechtigkeit eingefordert. Wachstum um jeden Preis kann nicht das Modell der Zukunft sein. Gleichzeitig dürfen wir den Ländern des Globalen Südens nicht die gleichen Chancen auf Entwicklung verweigern.

1973 wurde der erste Weltladen in Stuttgart gegründet. Heute gibt es mehr als 900 Weltläden und mehrere tausend Fair-Handels-Gruppen. Wie würden Sie die Entwicklung der Weltladen-Bewegung bis heute beschreiben? Welche Erfolge sehen Sie?

Die Weltläden tragen mit ihrem Angebot, ihren Bildungsveranstaltungen und ihren Austauschforen das Bewusstsein für die Nöte, Sorgen und Bedürfnisse der Länder des Globalen Südens in unsere Gesellschaft hinein. Das war in den Anfangsjahren wichtig und ist es auch heute noch. Die Art, wie wir produzieren und konsumieren, hat großen Einfluss auf die Arbeits- und Lebensbedingungen in anderen Teilen der Welt. Weltläden machen seit jeher darauf aufmerksam. Und sie bieten mit einem breiten Sortiment an Produkten Alternativen an, die aus dem Fairen Handel stammen.

Es gibt noch viel zu tun für eine nachhaltige und gerechtere Welt. Insofern wünsche ich den Weltläden, dass sie das großartige bürgerschaftliche Engagement bewahren können, das sie seit ihrer Gründung auszeichnet. Denn Weltläden werden auch in Zukunft gebraucht!

Portrait Saskia Esken, MdB und SPD-Vorsitzende Saskia Esken, MdB und SPD-Vorsitzende

Weltläden fordern politische Veränderungen, damit die ungerechten Strukturen im Welthandel der Vergangenheit angehören. Welche Chancen sehen Sie für mehr Gerechtigkeit im Welthandel? Welche Möglichkeiten haben Sie als Politikerin im Bundestag und auf anderen politischen Ebenen, den Fairen Handel zu fördern?

Wir haben 2021 in Deutschland ein Lieferkettengesetz durchsetzen können, das in diesem Jahr in Kraft getreten ist. Das setzt hohe Maßstäbe an einen weltweiten fairen und klimaschützenden Handel. Deutsche Unternehmen tragen Verantwortung für menschenwürdige Arbeit entlang ihrer Lieferketten. Das Gesetz schafft mehr Gerechtigkeit für die Arbeitskräfte weltweit und mehr Rechtssicherheit für die Unternehmen in Deutschland. Damit sorgt es auch für einen faireren Wettbewerb.

Politik kann noch mehr für eine gerechte Globalisierung tun. Dafür braucht es auch Mut und Wille, weiter zu denken und eigene Macht abzugeben. So hat Bundeskanzler Olaf Scholz zuletzt bei der UN-Generalversammlung gefordert, mehr Vertreterinnen und Vertreter des Globalen Südens in die verschiedenen Gremien der Vereinten Nationen aufzunehmen, um ihren Interessen mehr Gewicht zu geben.

In der EU stehen wir kurz vor einem europaweiten Lieferkettengesetz, das große Unternehmen verpflichten soll, Menschenrechte, Umwelt und Klima in ihren Lieferketten zu schützen. Was denken Sie über die Aussichten dieses Vorhabens auf mehr Gerechtigkeit im Handel?

Das EU-Parlament hat im Juni eine verschärfte Positionierung gegenüber der Fassung der EU-Kommission vorgenommen. Neben Menschenrechtsstandards sollen zukünftig so auch Umweltstandards verbindlich geschützt werden. Es ist wichtig und notwendig, dass auf das deutsche Lieferkettengesetz nun schnell das europäische Lieferkettengesetz folgt, denn damit erreichen wir weltweit viel mehr Beschäftigte und können sie so besser schützen. Ich bin davon überzeugt, dass das Gesetz dazu beitragen kann, dass der Welthandel endlich im Einklang mit den Zielen des Pariser Klimaabkommens und den Nachhaltigkeitszielen der UN steht.

Wieso sind Weltläden aus Ihrer Sicht heute immer noch wichtig? Was schätzen Sie an der Weltladen-Bewegung?

Das Engagement der Bürgerinnen und Bürger, die einen Weltladen betreiben und die Idee dahinter leben und weitertragen, hat in den vergangenen 50 Jahren viel bewegt und vorangebracht. Doch für das Ziel einer gerechten Globalisierung und eines weltweit Fairen Handels gibt es noch einige Schritte zu tun. Und dafür brauchen wir auch heute noch das Netzwerk der Weltläden.

Welchen Beitrag können Weltläden zu der so genannten sozial-ökologischen Transformation leisten – also zu einem strukturellen Wandel hin zu einer Lebensweise, die die Natur schützt und mehr globale Gerechtigkeit erreicht?

Weltläden informieren über Möglichkeiten anders zu wirtschaften, damit auch unsere Lebensgrundlagen geschützt werden. Sie lenken die Aufmerksamkeit auf Themen der Nachhaltigkeit, des Ressourcenschutzes und auf Zusammenhänge zwischen Handel, Klimakrise und Menschenrechten. Das ist ein wichtiger Beitrag zum Beispiel für die Akzeptanz von Handelspreisen, die Bäuerinnen und Bauern im Globalen Süden ein existenzsicherndes Einkommen ermöglichen. Nur dann können sie auch Klimaschutz in ihrer landwirtschaftlichen Arbeit umsetzen. 

Und zum Abschluss: Was wünschen Sie den Weltläden für die Zukunft?

Es gibt noch viel zu tun für eine nachhaltige und gerechtere Welt. Insofern wünsche ich den Weltläden, dass sie das großartige bürgerschaftliche Engagement bewahren können, das sie seit ihrer Gründung auszeichnet. Denn Weltläden werden auch in Zukunft gebraucht!

Das Interview führte Nadine Busch (Weltladen-Dachverband).


Zur Person:

Saskia Esken ist in Baden-Württemberg geboren und aufgewachsen. 1990 trat sie in die SPD ein. Seit 2013 ist Saskia Esken Mitglied des Deutschen Bundestages. 2019 kandidierte sie zusammen mit Norbert Walter-Borjans für den SPD-Vorsitz. In einem Verfahren mit 23 Regionalkonferenzen und einer Befragung aller Mitglieder setzte sich das Duo durch. 2021 kandidierte Saskia Esken erneut und hat seitdem den Vorsitz in der Doppelspitze zusammen mit Lars Klingbeil inne. An der Spitze der SPD ist Saskia Esken unter anderem eine treibende Kraft für vorausschauende Digital- und Bildungspolitik und engagiert sich für eine Politik, die sozialen Zusammenhalt und die Zivilgesellschaft stärkt.

Weitere Informationen unter www.saskiaesken.de.

Kontakt:

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Stand: 10/2022

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